Gedichte 

 

 

Das Wanderjahr

 

Ich freu’ mich auf die Wanderzeit,

wenn’s draußen dicke Flocken schneit,

da denk ich an den Frühling.

 

Wenn alles wieder grünt und blüht

und laut ertönt der Vögel Lied,

freu ich mich auf den Sommer.

 

Wenn’s dann so richtig heiß und schwül

und nur im Waldesschatten kühl,

dann lässt der Herbst mich lachen.

 

Die Blätter lösen sich vom Baum,

das Leben ist ein bunter Traum – 

der Winter wird bald kommen.

 

Doch ob das Wetter kalt, ob heiß,

ob Regen, Wind, ob Schnee, ob Eis:

Ich freu’ mich auf das Wandern.

 

Ursula Kaufmann

Das Samenkorn

 

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,

die Amsel wollte es zerpicken.

Aus Mitleid hat sie es verschont

und wurde dafür reich belohnt.

Das Korn, das auf der Erde lag,

das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.

Jetzt ist es schon ein hoher Baum

und trägt ein Nest aus weichem Flaum.

Die Amsel hat das Nest erbaut;

dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

 

Joachim Ringelnatz

Gedicht für jeden Tag

 

Jeder wünscht sich jeden Morgen

irgend etwas - je nachdem.

Jeder hat seit jeher Sorgen,

jeder jeweils sein Problem.

 

Jeder jagt nicht jede Beute.

Jeder tut nicht jede Pflicht.

Jemand freut sich jetzt und heute.

Jemand anders freut sich nicht.

 

Jemand lebt von seiner Feder.

Jemand anders lebt als Dieb.

Jedenfalls hat aber jeder

jeweils irgend jemand lieb.

 

Jeder Garten ist nicht Eden.

Jedes Glas ist nicht voll Wein.

Jeder aber kann für jeden

jederzeit ein Engel sein.

 

Ja, je lieber und je länger

jeder jedem jederzeit

jedes Glück wünscht, um so enger

leben wir in Ewigkeit.

 

James Krüss

 

Der Schwarzwald

 

Wo der Rhein in weitem Bogen um das alte Zehntland fliesst,

Steht ein Jugendfreund am Wege, den er in die Arme schliesst;

Schwarzwald heisst der Weggeselle, dunkelhaarig, still von Art,

Und ein gutes Stück zusammen rauschen Beide, treugepaart.

 

Zu dem grünen Eck des Stromes hebt, ihr Grüße, euch bergan!

Vater Rhein! auch andern Leuten hat´s der Dunkle angethan!

Wer im Bannkreis diese Berge einmal recht gewandert ist,

Den erfasst ihr starker Zauber, dass er nimmer sie vergisst.

 

Und es zieht ein Hauch von Tannen durch sein Herz für alle Zeit,

Wie ein stilles Heimgedenken gibt der Harzduft ihm Geleit,

Und des Hochwald wogend Brausen und der Bergwelt Sonnenschein

Folgen ihm in alle Ferne bis in seinen Traum hinein.

 

Reich der Tannen, Land der Quellen! Donauwiege! Rheinesmark!

Mit den dunklen Bergseeaugen, mit dem Nacken felsenstark,

Mit den tiefzerriss´nen Thälern, mit den weiten freien Höh´n,

Mit den weissen Wasserstürzen, mit der Matten Herdgetön!

 

Freundlich schmiegen sich die Dörflein, blinkt vom Berg das Schindeldach,

Und die schmucken Städte glänzen, und es mahlt und sägt der Bach,

Aus Ruinen schaut die Sage träumerisch von steiler Wand,

Fern im Forste klingt der Axtschlag, Abendroth fliesst übers Land.

 

Heil dir immergrünes Hochland! Starrst du jetzt auch tiefverschneit,

Hat mit Wundern doch umwoben dich die heil´ge Weihnachtszeit;

Heimlich klingt es durch des Tannwald´s glitzernd eisverbrämte Pracht

Und aus tausend kleinen Fenstern strahlt es in die Winternacht,

 

Unter schneebedecktem Strohdach, hoch am Berg und tief im Thal,

Ist der Christbaum angezündet, als der Sonnwendnach Fanal,

Tausend kleine Alemannen jubeln in den Glanz hinein,

Der des Schwarzwald´s jungen Tannen hell entströmt, wie Heil´genschein.

 

Wer in sommerlichen Tagen einst gewandert durch das Land,

Nimmt an stillem Winterabend diese Blätter gern zur Hand,

Und das Schifflein der Erinn´rung hisst die Segel und wird flott,

Aus den braunen Sonnenbildern rauscht der Schwarzwald sein „Grüssgott“

 

 

Karlsruhe im Dezember 1893

Robert Haass